Aleppo
So. Die Abreise rückt näher. Mein Flug geht von Aleppo (sehr zeitig in der Früh) und um mir eine halbe Nacht im Hotel zu ersparen, fahren wir (Jakob, Lona und ich) schon am Vortag hin. Lonas Mutter und ihre Tante wollen noch irgendwelches Zeug (Stoffe u.ä.) einkaufen und kommen auch mit. Die Busfahrt mit dem Linienbus ist etwas holprig und die Serpentinenstrassen tragen auch nicht unbedingt zu grossem Wohlbefinden meinerseits bei, da ich am Vortag (wegen Einpacken) erst um 4Uhr ins Bett komm um dann heut wieder um 7 geweckt zu werden, und schlafen geht bei dem Geschaukel nicht wirklich. Höhepunkt der Fahrt ist ein Rasthaus, wo ich Laziza (alkfreies, bierähnliches Malzgetränk mit Fruchtgeschmack) kennenlerne.
In Aleppo angekommen, gehts gleich in die Innenstadt zum Haus, wo Lonas Familie früher gelebt hat. Das Taxi kann nicht bis vor die Haustür zu fahren und so gehen wir die letzten Meter durch enge Gassen zu Fuss. Lona schwelgt in Kindheiterinnerungen. Die (mittlerweile unbewohnte) Wohnung, das Haus samt begrüntem Innenhof und das ganze Überhaupt, so mitten in der Altstadt (die Grundmauern scheinen aus byzantinischer Zeit zu sein) fasziniert mich sehr. Obwohls draussen sehr laut und staubig ist, ists hier herinnen fast ganz ruhig und angenehm kühl. Der Keller würd mich sehr reizen, aber laut der Nachbarin war da schon seit mehr als 10 Jahren keiner mehr unten und zugräumt soll er auch sein. Somit muss ich mich mit dem Dach begnügen. Ist aber auch fein und man muss über kleine verwinkelte Stiegen da rauf klettern.
Die Stadtführung beginnt:
Die grösste Sehenswürdigkeit von Aleppo ist natürlich die Festung, die mächtig über (bzw. mitten in) der Stadt, auf einem (IMHO) aufgeschütteten Hügel liegt. Es ist jetzt früher Nachmittag und der Hatscher da rauf bringt mich zum schwitzen. Die Aussicht von oben und die Kälte und Dunkelheit der ehemaligen Kerker und Vorratsräume versöhnt mich. Juhu alte Steine.
Lonas Vater erweist sich als guter Führer, kennt interessante Plätze und weiss viel darüber.
Nächste Station unserer kleinen Tour ist der Basar. Ich kannte ja bisher nur den Basar in Istanbul, wo hauptsächlich (Gold-)Schmuck, Teppiche und Touristenschmarrn gehandelt wird. Hier ist das ziemlich anders. Es gibt eigentlich so ziemlich alles. Natürlich haben immer mindestens 10 Geschäfte, oder eher Verschläge, nebeinander nahezu die gleichen Waren. Alles wirkt sehr lebendig und (für mich Eurozentristen) sehr orientalisch. Gewürze, Nüsse, Fleisch, Stoffe, Seifen, Wasserpfeifen und und und…
Bemerkenswert sind die Seile, die bei manchen Geschäften in der Mitte von der Decke hängen. Sie dienen zum Verlassen (eher ein Rausschwingen) des Standes, da die aufgeschlichteten Waren die Vorderseite völlig zustellen. In dem, an den überdachten Basar, angrenzenden Gewirr von kleinen Gassen gibts noch viel mehr Geschäfte und auch noch erhaltene Höfe, die seinerzeit zur Unterbringung von ganzen Karawanen gedient haben.
Weiter gehts mit einem kurzen Abstecher in die Strasse, wo Jakob früher gelebt hat. Eine ganze Strasse mit Kupferschmieden, die so Halb auf der Strasse arbeiten. Produziert (und wohl auch verkauft) wird alles Mögliche: Vom Boiler für die Dusche bis zu Kochgeschirr.
Ab ins Taxi und nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt sind wir beim Saint Simeon Kloster, das zwar als Festung beschildert ist, aber keine Befestigungen hat und somit auch keine ist. Gut so, denn in der Umgebung gibts einige Festungen, von denen nur mehr ein paar Steine übrig sind. Von diesem Berg sieht man übrigens schon die (in diesem Abschnitt seit 1936 “temporäre”
) türkische Grenze. Saint Simeon (ist alles französisch beschildert, keine Ahnung wie der sonst heisst) war ein christlicher Asket, der einen Grossteil seines Lebens auf einer Säule sitzend verbrachte. Diese frühchristlichen Asketen waren so was wie ein Ausflugsziel für die, in der Nähe lebende, Bevölkerung, die sie auch mit Nahrung versorgte.
Nettes Bild: “Schatzi, Was mach ma am Wochenende?”; “Wir schauen uns den Wahnsinnigen auf der Säule an! Oder vielleicht doch lieber den Eingemauerten?” ![]()
Die Ruinen des Klosters sind auf jeden Fall sehenswert. Die Öffnungszeiten sind gewohnt ungut. Um 18h00 wär eigentlich Schluss. Dafür ist den ganzen Tag in der brütenden Hitze geöffnet. Danke lieber Herr Tourismusminister.
Zurück in Aleppo krieg ich endlich nach drei Wochen ein Döner (hierorts Dscha_urmah) aus Lammfleisch und nicht vom Hendl. Dazu gibts scharfe Pfefferoni. Mhm…
Wir spazieren durch die Stadt; Lona versucht Schuhe und eine Tasche zu kaufen, geligt aber nicht; Ich seh so witzige Typen mit Fez (dieser Hut, den der Meindl-Mohr aufhat) und sowas wie einer riesigen Teekanne (mit Plastikblumen geschmückt) am Rücken. Ich denke sie verkaufen Tee, aber Jakob erklärt mir, dass sie zwei dubiose Säfte, aus mir unbekannten Wurzeln verkaufen. Sowas muss sofort probiert werden. Der Verkäufer hat eine kleine Kanne, mit der er die Gläser auswäscht, bervor er sich verneigt und so aus der grossen Kanne am Rücken einschenkt. Der luxusgewohnte Europäer bekommt noch einen Strohhalm dazu. Der Saft schmeckt süss und etwas sauer. Er soll gegen irgendwelche Nierenbeschwerden helfen oder vorbeugen, weiss ned. Gut. Auch der zweite Saft muss probiert werden. Anderer Verkäufer, ähnlicher Ablauf. Und bäähhh. Der hats in sich. Der Saft ist extrem bitter und ganz leicht süss (ein bissi wie Lakritze, aber noch viel grauslicher). Der muss extrem gesund sein.
Wir gehen noch ein Eis essen, in das Cafe, wo sich Lonas Eltern vor 100000 Jahren immer getroffen haben. Eis ist gut und vertreibt den bitteren Saftgeschmack.
Langsam stellt sich die Frage wo mein Gepäck hinsoll. Derweil ist es bei den Nachbarn deponiert, doch die betagte Dame ist alt und krank und ich muss erst um 04h00 zum Flughafen und keiner will sie so früh (oder spät) wecken.
Das Gepäck zu deponieren erweist sich als schwieriger als gedacht. Auf jeden Fall gibts am Bahnhof keine Gepäckaufbewahrung.
Jakob hat die Idee das Gepäck gegen Trinkgeld bei einem Portier in einem der zahlreichen Hotels unterzustellen. Doch die ersten paar Portiere, die wir fragen sind nicht so überzeugt von der Idee und wimmeln uns ab. Endlich, in einer unglaublich grindigen Hütte, willigt der Portier ein. Dieses “Hotel” beginnt im dritten Stock und ist nur über eine Hendlstiege zu erreichen. Nach einigem bürokratischen Aufwand (Ausweise dalassen etc.), wird das Gepäck angenommen. Wir gehen derweil (zum Zeittotschlagen) nochmal Essen. In diesem Lokal (untertags ein Schwimmbad) war Jakob seit 30 jahren nicht mehr, die Qualität passt aber immer noch. Wir essen und plaudern. Lona ist ein bissi angfressn und traut der ganzen Aufbewahrungsgeschichte nicht. “bäh bäh bäh, allein der Koffer ist ein Monatsgehalt von dem Portier wert etc…” Naja lass ma´ uns überraschen.
Zurück zu dem Hotel und drei Stockwerke hinaufgewabbelt, na super die Glastür is zu und der Koffer der vorher dahinter stand is auch ned da…
Vor meinem geistigen Auge erscheint eine Szene: Der ursprüngliche Portier is nimmer da und der Nachfolger weiss nix von Koffer und Vorgänger…
Nach einigem Klopfen erscheint dann doch der Originalportier und erklärt, dass er den Koffer aufs Dach getragen hat. Hm. Komisch. Wir gehen (eher klettern, die “Stiege” herauf war schon a Frechheit, das jetzt ist mehr eine Leiter). Auf dem Dach liegen Decken herum. Ich glaube zuerst, dass hier Leute schlafen, aber der Portier meint, dass sie nur zum auslüften da sind. Der Koffer steht tatsächlich auf dem Dach! Etwa 50 Meter von dem Aufgang entfernt. Ich versteh ned, was das soll, beginne aber den Koffer runterzuschleppen. Mich legts fast auf, ohne wars schwer genug, mit 25 Kilo Koffer werden Leiter und Hendlstiege richtig ungemütlich. Wie der Tattergreis von Nachtportier das gemacht hat ist gleichfalls rätselhaft. Zurück im Taxi Richtung Flughafen klärt Jakob die Geschichte auf:
Der Portier war sehr froh uns zu sehen. Er hatte nämlich Angst, dass wir ihm da eine Bombe hinterlassen haben. Zur Verringerung von möglichen Schäden im Falle einer Explosion hat er den Koffer aufs Dach getragen. Aufpassen, Es explodiert so vü…





